»Semantische Kämpfe« in Wissensdomänen
Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Betrachtet man Sprache als Medium zur Durchsetzung bestimmter Sichtweisen auf gesamtgesellschaftlich umstrittene Sachverhalte in unterschiedlichen Wissensdomänen (z.B. Medizin, Wirtschaft, Architektur, Naturwissenschaft, Technik, Politik, Geschichte, Recht usw.), so offenbaren sich "hinter" fachlichen Auseinandersetzungen gleichsam Auseinandersetzungen um angemessene Bezeichnungen und Bedeutungszuschreibungen, kurzum "semantische Kämpfe". Und es zeigt sich, wie Sprache "vor" der Konstituierung der Sachverhalte die fachspezifischen Wissensrahmen (mit)strukturiert, wie also Wissen durch Sprache entsteht.
Projektbeschreibung
Felder, Ekkehard (Hg.): Semantische Kämpfe.
Macht und Sprache in den Wissenschaften.
Berlin / New York: de Gruyter.
(Linguistik - Impulse und Tendenzen 19)
September 2006 erschienen (Verlagsinformation)
Herrschaft und Macht werden auch über Semantik ausgeübt. Diese erkenntnisleitende These der in diesem Sammelband zusammengetragenen Einzeluntersuchungen rückt die sprachliche Konstitution fachlicher Gegenstände bzw. Sachverhalte in den Untersuchungsmittelpunkt und berührt damit den linguistischen Bereich der Semantik. Berücksichtigt man darüber hinaus die Annahmen der linguistischen Pragmatik, die sich die Untersuchung sprachlichen Handelns zum Ziel gesetzt hat, so stellt sich die Frage, wie lassen sich unterschiedliche sprachliche Handlungsstrategien (beim Benennen und Bedeuten) beschreiben. Bei einem solchen Erkenntnisinteresse - bezogen auf gesellschaftlich relevante Wissensdomänen bzw. Wissenschaftsdisziplinen - stößt man unweigerlich auf mehr oder weniger subtile Formen des Dissenses. Ein Dissens wird aber gerade in fachsprachlich bestimmten und fachkommunikativ konventionalisierten Diskursen nicht immer explizit ausgetragen, sondern oft implizit. Für den Außenstehenden ist daher nicht jeder fachliche Dissens leicht zu durchschauen, weil er sich in Form verschiedener Begriffsvorstellungen bei gleichen Ausdrücken widerspiegeln oder hinter vermeintlichen Synonymen verbergen kann. Damit sind wir beim Problem unterschiedlicher Bedeutungen (Bedeutungsakzentuierungen), die den weit verbreiteten Ansichten der eineindeutigen Fachsprachen offensichtlich widersprechen. Die Schwierigkeit besteht aber darin - und das verschärft die angesprochene Problematik -, dass diese »versteckten« Bedeutungsunterschiede ein Indiz für bestimmte Wissenschaftsrichtungen darstellen können, ohne dass dieser Zusammenhang für das gesamtgesellschaftlich interessierte zoon politikon zu durchschauen wäre.
Dieser Umstand ist nicht unproblematisch: Denn solche semantischen Kämpfe verlaufen oft sehr heftig, können sich über Jahre bzw. Jahrzehnte hinziehen und Wissenschaftsgeschichte schreiben. Von grundsätzlicher Bedeutung ist jedoch der Umstand, dass sie den Forschungsgegenstand erst (mit)konstituieren. Sie sind so notwendige Voraussetzung für das Verständnis wichtiger Forschungsfragen, denn hinter den Begriffen stehen ja gemeinhin ganze Schulen bzw. ein definiertes, methodisch durchorganisiertes Erkenntnisinteresse. Die Durchsetzung spezifischer Fachterminologien in der Auseinandersetzung mit sozial-, geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Sachverhalten stellen so gesehen den Versuch dar, die Welt bzw. einen Weltausschnitt zentralperspektivisch als Systemraum von einem spezifischen Sehepunkt aus durchzustrukturieren.
»Semantischer Kampf« in Fachdomänen
In den meisten Fachdomänen gibt es »semantische Kämpfe« oder Sprach-Normierungskonflikte. Unter »semantischem Kampf« wird hier - zunächst allgemein formuliert - der Versuch verstanden, in einer Wissensdomäne bestimmte sprachliche Formen als Ausdruck spezifischer, interessengeleiteter und handlungsleitender Denkmuster durchzusetzen.
Zwar konstituieren Texte, nicht Begriffe den fachwissenschaftlichen Sachverhalt, dennoch kommt den Begriffen eine ganz zentrale Rolle zu. Es soll in den einzelnen Beiträgen gezeigt werden, wie infolge von Sprachspielregeln Begriffe festgesetzt, stereotypisiert, bestätigt oder modifiziert werden, indem Fachwissenschaftler und gegebenenfalls Multiplikatoren (z.B. Lobbyisten) beim Referieren und Prädizieren mittels sprachlicher Ausdrücke fachliche Sachverhalte erst konstituieren und damit zur Begriffsbildung beitragen. Denn nicht die Begriffe als eigene Entitäten nehmen von sich aus bedeutungsvoll auf Sachverhalte als andersgeartete Entitäten Bezug, sondern umgekehrt: der fachtextorientiert handelnde Wissenschaftler ist Subjekt des Konstituierungsvorgangs, indem er Fachbegriffe überhaupt erst beim Vollzug von Referenzfixierungsakten - im Folgenden als "Sachverhaltsfixierungsakt" bezeichnet - (neu) festsetzt, stereotypisch bestätigt oder verändert.
Zur terminologischen Klärung seien die folgenden Unterscheidungen getroffen, die ich mit Hilfe der bekannten Darstellung des semiotischen Dreiecks (triadisches Zeichenmodell nach OGDEN/RICHARDS 1923) darlegen möchte.

Das Prägen eines Begriffes bzw. Konzeptes (mittels des spezifischen und steten Gebrauchs eines bestimmten sprachlichen Ausdrucks) wird hier als Bedeutungsfixierungsversuch bezeichnet, identische Ausdrücke können Begriffe bzw. Konzepte mit divergierenden Teilbedeutungen evozieren und tragen damit zu einer spezifischen Sachverhaltskonstitution bei (hier als Sachverhaltsfixierungsakt bezeichnet). Das Nachzeichnen von Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungsversuchen bei einem umstrittenen Sachverhalt im Rahmen fachwissenschaftlicher Auseinandersetzungen ist Gegenstand des Sammelbandes.
Durch den Nachvollzug der sprachlich vermittelten Sachverhaltskonstitution (Referenztätigkeit) des Fachwissenschaftlers (sprachliche Präzedenzfälle, Rekonstruktion der bisherigen Benennungsfestsetzungen etc.) gewinnen Experten nicht »die Bedeutung« eines Ausdrucks, sondern nur mögliche Handlungsmuster, gemäß derer er die bisherigen Benennungsfestlegungen fortsetzen, modifizieren oder durch neue ersetzen kann. Darin - im Dominant-Setzen bestimmter Teilbedeutungen bei Fachbegriffen und/oder bei Durchsetzungsversuchen von Benennungsfestlegungen als Handlungsmuster - besteht der »semantische Kampf« in einzelnen Wissenschaften oder Wissensdomänen.
Was bedeutet »Semantischer Kampf«?
Unter »semantischem Kampf« wird - so haben wir oben noch allgemein formuliert - der Versuch verstanden, in einer Wissensdomäne bestimmte sprachliche Formen als Ausdruck spezifischer, interessengeleiteter Handlungs- und Denkmuster durchzusetzen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: mittels Benennungsfestlegungen oder Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungsakten. Dabei ist der semantische Kampf als impliziter oder expliziter Konflikt um die Angemessenheit von Versprachlichungsformen zu differenzieren im Hinblick auf drei Betrachtungsweisen:
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Ebene der Bezeichnungs- und Benennungstechniken: Mehrere Ausdrücke oder Ausdruckskomplexe lassen unterschiedliche Aspekte eines Sachverhalts vortreten
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Ebene der Bedeutungen: Bei ein und demselben Ausdruck bzw. Ausdruckskomplex divergieren Akzentuierungen von Bedeutungsaspekten (Teilbedeutungen)
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Vermeintlich identische oder tatsächlich identische Referenzobjekte werden unterschiedlich konstituiert - entweder bei gleichen Ausdrücken oder (vermeintlich) sinn- und sachverwandten Ausdrücken
Mit Hilfe von Durchsetzungsversuchen von Benennungsfestlegungen als Handlungsmuster und/oder im Dominant-Setzen bestimmter Teilbedeutungen bei Fachbegriffen und/oder in der spezifischen idiomatisch geprägten Konstitution von Sachverhalten kann der »semantische Kampf« in einzelnen Wissenschaftsdisziplinen ausgetragen werden.
Gliederung des Sammelbandes »Semantische Kämpfe«
Folgende Fachdomänen mit Arbeitstiteln sind bisher von Beiträgern abgedeckt:
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Ekkehard Felder (Münster/Heidelberg): Semantische Kämpfe in Wissensdomänen. Eine Einführung in Benennungs-, Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungs-Konkurrenzen
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Albert Busch (Göttingen): Semantische Kämpfe in der Medizin. Ansätze zu einer Typologie der Wissenskämpfe
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René Zimmer (Karlsruhe): Zwischen Heilungsversprechen und Embryonenschutz - Der semantische Kampf um das therapeutische Klonen
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Silke Domasch (Dresden): Zum sprachlichen Umgang mit Embryonen. Semantische Konkurrenzen innerhalb des biomedizinischen Diskurses zur Präimplantationsdiagnostik
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Gabriele von Glasenapp (Frankfurt): Von der »Endlösung der Judenfrage« zum Holocaust. Über den sprachlichen Umgang mit der deutschen Vergangenheit
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Martin Wengeler (Düsseldorf): Mentalität, Diskurs und Kultur. Semantische Kämpfe in der deutschen Geschichtswissenschaft
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Ingo H. Warnke (Kassel): Die begriffliche Belagerung der Stadt - Semantische Kämpfe um urbane Lebensräume bei Robert Venturi und Alexander Mitscherlich
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Berbeli Wanning (Düsseldorf): Der Naturbegriff in Literatur und Literaturwissenschaft
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Wolf-Andreas Liebert (Koblenz): Naturwissenschaftlicher Fachdiskurs als Kontroverse
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Stephan Habscheid (Siegen): 'Selbstorganisation'. Zur gemeinsprachlichen Anatomie und 'laienlinguistischen' Deutung eines 'umkämpften' Begriffs.
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Markus Hundt (Dresden): Das Ringen um den Geldbegriff. Begriffswandel und Metaphernkonstanz in historischen und zeitgenössischen Geldtheorien.
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Ralph Christensen / Michael Sokolowski (Heidelberg): Recht als Einsatz im semantischen Kampf
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Maximilian Scherner (Münster): »Rede« - »Text« - »Diskurs«: Konkurrierende Begriffsbestimmungen in den Gründerjahren der Textlinguistik
