Varietäten des Deutschen in funktionaler, sozialer und arealer Dimension

 

Varietaten Felder

Ekkehard Felder (2016): Einführung in die Varietätenlinguistik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Germanistik kompakt)



»Variationen im Deutschen [Ein Deutsch, viele *Deutschs]: Der germanistische Sprachwissenschaftler Hermann Paul behauptet in seinem berühmten Werk Prinzipien der Sprachgeschichte, „innerhalb einer Volksgemeinschaft [werden] so viele Dialekte geredet als redende Individuen vorhanden sind“ (Paul 1880/61960: 38). Übertragen bedeutet dies, es gebe so viele deutsche Sprachen wie Einwohner in den deutschsprachigen Ländern. Das ist sicherlich eine zugespitzte Sichtweise. Und wie lässt sich diese Behauptung in umgekehrter Weise betrachten? Es kann wohl niemand behaupten, dass das Deutsche eine einheitliche Sprache ist, die der Flensburger Rechtsanwalt und der Passauer Installateur gleichermaßen gebrauchen ebenso wie Kölner Jugendliche auf dem Schulhof oder eine Gruppe älterer Menschen in einem Dresdner Altenheim. Gleichermaßen dynamisch zeigt sich die Sprache aus historischer Perspektive, wie die Geschichte des Wortes „geil“ zeigt, das im Mittelhochdeutschen „kraftvoll; üppig; lustig, fröhlich“ bedeutete, im Neuhochdeutschen im Sinne von „geschlechtlich erregt, brünstig“ verwendet wurde, bis es jugendsprachlich zu einem Synonym für „großartig, toll“ wurde (Das Herkunftswörterbuch 2013). Damit stellt sich eine Grundsatzfrage: Wie einheitlich ist das Deutsche in der Kommunikationspraxis der Menschen, und wie lassen sich die vielfältigen Gebrauchsformen innerhalb des Deutschen plausibel darstellen? Dieser Frage widmete sich schon in den 1970er Jahren eine Fernsehserie, die in dem Buch von Hermann Bausinger (1972) mit dem sprechenden Titel Deutsch für Deutsche: Dialekte, Sprachbarrieren, Sondersprachen dokumentiert ist.
Vor diesem Hintergrund wird häufig der Sprachgebrauch von sozial, fachlich, regional oder anderweitig abgrenzbaren Gruppen als Dreh- und Angelpunkt herangezogen. Aber gibt es denn so viele deutsche „Sprachen“, wie es einschlägige Gruppen gibt?« (Felder, Ekkehard (2016): Einführung in die Varietätenlinguistik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 7).


 

Literatur:

2018 (gemeinsam mit Elisa Manca und Verena Weiland): Standardisierung und Sprachkritik in europäischer Perspektive. In: Felder, Ekkehard et al. (Hg.): Handbuch Europäische Sprachkritik Online (HESO). Band 2. Heidelberg University Publishing, S. 33–40 (DOI) [engl; frz; it; kr].

2018 (gemeinsam mit Katharina Jacob): Standardisierung und Sprachkritik im Deutschen. In: Felder, Ekkehard et al. (Hg.): Handbuch Europäische Sprachkritik Online (HESO). Band 2. Heidelberg University Publishing, S. 73–78 (DOI) [engl; frz; it; kr].

2017: Legal Text and Pragmatics: Semantic Battles or the Power of the Declarative in Specialized Discourse. In: Pragmatics and Law: Practical and Theoretical Perspectives. Edited by Francesca Poggi and Alessandro Capone. Berlin u.a.: Springer Verlag (Perspectives in Philosophy, Pragmatics & Psychology. Vol 10), S. 165–192.

2017: Pragmatik des Rechts: Rechtshandeln mit und in Sprache. In: Felder, Ekkehard / Vogel, Friedemann (Hg.): Handbuch Sprache im Recht. Berlin/Boston: de Gruyter (Handbücher Sprachwissen – HSW, Bd. 12), S. 45–66.

2017 (gemeinsam mit Horst Schwinn und Katharina Jacob): Sprachnormierung und Sprachkritik in europäischer Perspektive. In: Felder, Ekkehard et al. (Hg.): Handbuch Europäische Sprachkritik Online (HESO). Band 1 (2017). Heidelberg University Publishing, S. 31–34 (DOI) [engl; frz; it; kr].

2017 (gemeinsam mit Horst Schwinn und Katharina Jacob): Sprachnormierung und Sprachkritik (Sprachnormenkritik) im Deutschen. In: Felder, Ekkehard et al. (Hg.): Handbuch Europäische Sprachkritik Online (HESO). Band 1 (2017). Heidelberg University Publishing, S. 53–62 (DOI) [engl; frz; it; kr].

2016: G. W. Leibniz als Varietätenlinguist. In: Deutsche Sprache (DS). Zeitschrift für Theorie, Praxis, Dokumentation. 44. Jg. Heft 4/2016, S. 366–384.

2015 (zusammen mit Friedemann Vogel): Sprache im Recht. In: Felder, Ekkehard/Gardt, Andreas (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 358–372 (Handbücher Sprachwissen – HSW, Bd. 1).

2012 (zusammen mit Jörn Stegmeier): Diskurstheoretische Voraussetzungen und diskurspraktische Bewertungen. Diskurse aus sprachwissenschaftlicher Sicht am Beispiel des Sterbehilfe-Diskurses. In: Handbuch Sterben und Menschenwürde. Hrsg. von Michael Anderheiden und Wolfgang U. Eckart. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 375–415.

2009: Sprachliche Formationen des Wissens. Sachverhaltskonstitution zwischen Fachwelten, Textwelten und Varietäten. In: Felder, Ekkehard / Müller, Marcus (Hg.): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerks »Sprache und Wissen«. Berlin/New York: de Gruyter, S. 21–77 (Sprache und Wissen, Bd. 3).

2005: Alltagsweltliche und juristische Wirklichkeitskonstitution im Modell der »Juristischen Textarbeit« – Ein sprachhandlungstheoretischer Beitrag zur Kommunikation im Recht. In: Kent Lerch (Hg.): Die Sprache des Rechts. Strukturen, Formen und Medien der Kommunikation im Recht. Berlin/New York: de Gruyter, S. 133–168 (Studien der interdisziplinären Arbeitsgruppe Sprache des Rechts im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 3).

2003: Das Spannungsverhältnis zwischen Sprachnorm und Sprachvariation als Beitrag zu Sprach(differenz)bewusstheit. In: Wirkendes Wort. 53. Jg., Heft 3/2003, S. 473–499.)

2001: Medizinische Fachkommunikation am Beispiel der Debatte über »Organspenden«. Ein Lexem wird zum Schlüsselwort und trennt die Lager. In: Jörg Meier, Arne Ziegler (Hg.): Deutsche Sprache in Europa - Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Ilpo Tapani Piirainen zum 60. Geburtstag. Wien: Edition Praesens, S. 357–372.

1999: Differenzen in der Konzeptualisierung naturwissenschaftlicher Grundlagen bei Befürwortern, Skeptikern und Gegnern der Gen-/Biotechnologie. In: Axel Satzger (Hg.): Sprache und Technik. Frankfurt am Main u. a.: Peter Lang, S. 35–49 (Forum Angewandte Linguistik, Bd. 36).

1997 (zus. mit Volker Schupp): Kommentare zu den wortgeographischen Karten IV 3.01-3.07 und IV 3.14-3.19. In: Hugo Steger, Volker Schupp (Hg.): Kommentare zum Südwestdeutschen Sprachatlas. Bearbeitet von Bernhard Kelle, Renate Schrambke, Volker Schupp, Erich Seidelmann, Hugo Steger, Ekkehard Felder, Markus Hundt, Christof Maier, Guillaume Schiltz, Jörg Wagner. Marburg: Elwert.

1996 (zus. mit Volker Schupp): Wortgeographische Karten IV 3.14-3.19. In: Südwestdeutscher Sprachatlas. Hrsg. von Hugo Steger, Eugen Gabriel und Volker Schupp. 4. Lieferung, bearbeitet von Roswitha Braun-Santa, Ekkehard Felder, Markus Hundt, Bernhard Kelle, Renate Schrambke, Guillaume Schiltz. Marburg: Elwert.

1996: Der Südwestdeutsche Sprachatlas. Arbeitsbericht 1990-93. In: Heinrich Löffler (Hg.): Alemannische Dialektforschung. Bilanz und Perspektiven. Beiträge zur 11. Arbeitstagung alemannischer Dialektologen. Tübingen/Basel: Francke Verlag, S. 275-278 (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur, Band 68).

1996 (zus. mit Volker Schupp): Wortgeographische Karten IV 3.01-3.07. In: Südwestdeutscher Sprachatlas. Hrsg. von Hugo Steger, Eugen Gabriel und Volker Schupp. 3. Lieferung, bearbeitet von Roswitha Braun-Santa, Ekkehard Felder, Markus Hundt, Bernhard Kelle, Renate Schrambke, Guillaume Schiltz. Marburg: Elwert.
 

Letzte Änderung: 19.07.2019
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